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Blog Age - das Blog von Peter Schink

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Ich bin keine digitale Bohème

Alle reden jetzt von diesem Internet. Und aller Orten wird es erklärt. Da wird dann von Umwälzungen geredet und davon, dass wir bald alle und immer online sind. Um das Internet zu erklären, braucht es Experten. Die nennt man dann digitale Bohème. Ich kann damit zumindest nicht gemeint sein.

Dies ist der Versuch einer Abgrenzung. Denn die so genannte digitale Bohème gibt es nicht. Und wenn es sie gibt, möchte ich nicht dazu gehören. Jetzt werdet Ihr sagen: Na klar gibt es die. Das sind so Leute, die wohnen in Berlin, sind clever, machen coole Sachen und bringen das Internet voran.

Doch das ist nicht die Definition von Bohème. Der Begriff weist völlig in die Irre. Er beschreibt die Abgrenzung zur Bürgerlichkeit, geht einher mit einer gewissen Egozentrik und Nihilismus. Er beschreibt Menschen, die gerne außerhalb des Systems leben, die in Cafés sitzen statt ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Man möge jetzt über die exakte Begrifflichkeit streiten, und dabei Zwischentöne der Wikipedia-Definition zitieren. Doch darum geht es mir nicht. Vielmehr geht es mir darum, den Kern des Neuen zu erfassen.

Ich mache, also bin ich

Es geht wirklich nicht darum, sich von einer Bürgerlichkeit oder Neoliberalisten abzugrenzen. Denn zum einen bilden die keine geschlossene einheitliche Front mehr. Zum anderen muss ich mich nicht mehr definieren, indem ich mich abgrenze. Ich definiere mich über mein Tun. Deshalb kann der Begriff Bohème nicht mehr taugen.

Es geht auch nicht um die von Sascha so hoch gelobte Selbstständigkeit um des eigenen Wohles Willen. Klar gibt es eine Vielzahl von Selbstständigen in der Szene, aber auch viele kreative Geister, die sich mit Lohnzettel sehr viel wohler fühlen.

Betahaus statt Café ist des Pudels Kern

Das Gegenüber der Szene sind wenn überhaupt die Konsumenten. Die gerne konsumieren (Fernseher, Internet, Bücher), aber nichts produktiv bewerkstelligen. Menschen die ich kenne, wollen vor allem das Internet als etwas nutzen, um künftig anders zu leben. Um eine andere Welt zu erhalten, entweder virtuell oder real. Dafür kreieren sie Internetseiten, Blogs oder Wikipedia-Artikel. Entweder im Beruf oder ihrer Freizeit. Aber sie definieren sich nicht über Abgrenzungen und erst recht nicht über das Sitzen in Cafés.

Das Café ist nicht der Kernpunkt
Das Café ist nicht der Kernpunkt

Na klar sitzen die im Café, werdet Ihr jetzt sagen. Da gibt es doch dieses St. Oberholz am Rosenthaler Platz, da hocken die doch mit ihren Macbooks und philosophieren über Dies und Das. Ja, weil man auch heute noch Menschen gerne bei einer Tasse Café trifft und schnackt. Doch die wirklich entscheidenden und produktiven Orte sind heute die Josettihöfe, das Betahaus oder die unzähligen Co-Working-Spaces in der Stadt. Dort wird das Internet weiterentwickelt. Aber eben auch am heimischen Schreibtisch oder dem Arbeitsplatz eines Großkonzerns.

Die Bewegung die ich kenne, ist vor allem aus einem Grund keine Bohème. Weil sie in höchstem Maße produktiv ist. Weil sie Dinge wie Places, Qype, Sevenload, Wikimedia, Blogs und anderes schafft.

Die Menschen von denen ich rede, machen sich Gedanken um Morgen. Und vor allem: Sie reden darüber und arbeiten daran, verdienen manchmal damit Geld und haben eine Menge Spaß. Sie sind Vordenker, nicht Bohèmians.

Aber lasst die Feuilletonisten nur über die vermeintliche digitale Bohème schwafeln. Wenn das Internet dann fertig ist, haben sie es bestimmt verstanden.

Kommentare (3)

Naja
(ben_, 04.01.2010, 16:23 Uhr #)
Also Umdeutungen hat es ja im normalen Sprachgebrauch nun immer gegeben. Da muss man vielleicht ein wenig großzügig sein und den Damen und Herren, die mit dem Terminus um die Ecke kamen mal ein wenig Spielraum geben. Wenn ich "Wir nennen es Arbeit" geschrieben hätte, dann hätte vermutlich das gleich drin gestanden aber ich hätte es "Digitale Bildungsbürger" genannt. Was ebenso falsch ist und eben so richtig. Das ist der Haken beim Neuen. Man hat halt nich keine Begriffe dafür.

Ein Blog ist ja auch kein "Web-Logbuch" im engeren Sinn des Wortes "Logbuch".

wohl, wohl
(Peter, 05.01.2010, 08:36 Uhr #)
Ja, stimmt auch. Aber die Bohème legt irgendwie allen Menschen nahe, es handele sich da um irgendso eine café-rauchige, philosophierende Meute....

ach komm
(Gerd, 05.01.2010, 08:45 Uhr #)

Letztlich fehlt doch ein richtiger Begriff. Auf jeden Fall sollte es noch viel mehr Orte geben, an denen Berlin stattfindet :)