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Blog Age - das Blog von Peter Schink

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Real Time Web - Die radikale Verschlimmbesserung

Seit einiger Zeit diskutieren wichtige Menschen über die derzeit stattfindende Veränderung des Internet. Da ist die Rede vom "Real Time Web" und dem "Flow". Worum geht's da eigentlich?

Steve Rubel on Posterous
Steve Rubel on Posterous

Auslöser dieses Blog Postings war ein Artikel von Steve Rubel, dessen Blog ich bislang las. Nun hat er es eingestellt, mit der Nachricht:It's Official: I am Moving from Blogging to Lifestreaming. Shocking. Den Mann und seine Gedanken gibt's ab heute nur noch über Posterous zu lesen.

Rubel begründet den Schritt damit, er halte bloggen inzwischen für zu langsam. RSS sei zu komplex, Blog-Kommentare zu sehr an die eigene Website gebunden. Und wer Posterous kennt, kann Rubels Schritt auch aus einem anderen Grund nachvollziehen: Dort ist es möglich, schlicht per Mail zu bloggen und auch gleich noch Fotos, Audio, Video anzuhängen. Außerdem schickt der Service die Daten bei Bedarf auch gleich noch an Twitter, Friendfeed, Vimeo, Youtube, Flickr usw. usw. Informationen abzusetzen geht damit schneller und auf mehrere Plattformen - "Lifestream" trifft es da schon ziemlich gut.

Damit geht einer der Vordenker der US-Bloggerszene dem Real Time Web ein Stück entgegen (andere denken übrigens ähnlich #1, #2, #3). Heißt konkret: Wenn mit Diensten wie Twitter und Facebook die Informationen viel schneller als bislang zu uns kommen (eben Real Time), ist das Öffnen einer Blogging-Software tatsächlich etwas Old School und langsam.

Einfach mal per E-Mail zu publizieren, geht schneller. Wesentlich schneller. Im Moment ist noch Twitter der maßgebliche Kern des Real Time Web. Poste ich dort einen Link, haben innerhalb der ersten 10 Minuten in der Regel mindestens 50 meiner Follower draufgeklickt (sagt mir die bit.ly-Statistik). Die Information verbreitet sich also tatsächlich nahezu in Real Time. Posterous könnte dazu führen, dass Äußerungen von mehr als 140 Zeichen Länge am Leben bleiben. Steve Rubel macht es vor.

Doch die Real-Time-Kommunikation ist zugleich die radikale Verschlimmbesserung der Informationsgesellschaft.

Den Beleg liefert kurioserweise mein Nachschlagen zum Thema: Ich muss gerade feststellen, dass der Artikel zum Real Time Web in der englischsprachigen Wikipedia gerade mal drei Wochen alt ist (hier die erste Version vom 15. Juni). Dabei kommt mir die Diskussion inzwischen schon alt vor. Ihr dagegen habt vielleicht noch gar nichts davon gehört.

Diese rasante Informationsgeschwindigkeit hat zwei Kehrseiten: Zum einen kommt ein Großteil der Menschen da gar nicht mehr mit. Die lesen immer noch Zeitung. Zum anderen kann niemand mehr so viele Informationen verarbeiten (so hat zum Beispiel Steve Rubel alleine seit dem 11. Juni mehr als 70 Posts über Posteous abgesetzt).

Das Real Time Web wird uns deshalb zu einem nötigen. Wir werden Informationen mehr als früher verdichten müssen. Selektieren, gewichten, bewerten und verlinken. Denn weniger Information ist manchmal mehr.

Kommentare (12)


(Gerd, 05.07.2009, 10:39 Uhr #)

Manchmal glaub ich, die Information wird so lange schneller, bis überhaupt niemand mehr zuhören mag.

Peter Prinzip
(ben_, 05.07.2009, 17:42 Uhr #)
"Information wird so lange schneller, bis überhaupt niemand mehr zuhören mag"
Oh, das erinnert mich an das Peter-Prinzip[1], das nichts mit dem Autor dieses Blogs zu tun hat, und das besagt: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“

Ich hoffe das gilt nicht auch für die Hierarchie von Informationskanälen.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Prinzip

Format vs. Frontend
(ben-, 05.07.2009, 18:33 Uhr #)
Ich glaube, da wird eine künstliche Schere aufgemacht zwischen Bloggen und dem Echtzeitweb. Man darf nicht vergessen, dass auch RSS immer schneller wird. Inzwischen landen meine eignen Posts binnen weniger Minuten in meinem RSS-Reader. (Ja, ich hab mein eigenes Blog abonniert, man muss ja wissen, wie das aussieht.) Und Twitter-Module/plugins erlauben es optional jeden Beitrag sofort an den Echtzeitservice Deiner Wahl zu syndizieren.

Was aber wirklich weniger wird ist die Textform die Blogs einmal hatten. Viele Blogger bloggen weniger und/oder kürzer.

Johannes hielt das ja schon letztes Jahr für eine gute Entwicklung:
http://www.kopfzeiler.org/blog/?p=224

Meine parallele These damals, dass Blogs eine Wandlung durchmachen hat sich auch ein wenig bewahrheitet. Blogger wie Jason Santa Maria in den USA oder Christian Mücke auf Coldheat.de stecken in Texte und Gestaltung weit mehr Arbeit, als je zuvor. Das Ergebnis ist eine neue Qualität im Netz.
http://www.coldheat.de/archiv/2009/06/spielende-gemeinschaft.php
http://www.coldheat.de/archiv/2008/04/sergio-leones-spiel-mir-das-lied-vom-tod.php

Nebenbei: Andreas Göldi haut auch in die "Blogs sind tot" Kerbe:
http://blog.agoeldi.com/2009/07/05/the-end-of-substance-or-is-blogging-dead/

Ansonsten: Ich kann mich immer noch nicht beschweren. Weder ist mir das Echtzeitnetz zu schnell noch ertrinke ich in der Informationsflut. Im Gegenteil ein kleines Informationsbächlein gurgelt hinter meinem Haus. Klar kommt da auch mal Laub und ein toter Fisch mit, aber im großen und ganzen ist das doch kontrollierbar.
Schwer zu kontrollieren hingegen ist der Durst, die Sehnsucht nach dem großen Strom, der Wunsch, bei allem dabei zu sein, alles zu verstehen, zu ergründen, zu allem eine Meinung zu haben, nichts zu verpasen.


(Peter, 05.07.2009, 18:57 Uhr #)

Kann gut sein, dass nicht die Informationsflut das Problem ist, sondern der ständige Drang nach Neuem. Eigentlich bekommt man am Ende des Tages ja doch alles Wesentliche mit. Aber die Wege, wie das zu mir kommt, sind doch oft recht zufällig. Vielleicht verpasse ich ja auch viel, weiß es nur nicht ;)

Zufällig Wege
(ben_, 09.07.2009, 09:25 Uhr #)
Das ist ein spannder Aspekt. Das ist mir die Tage auch schon aufgefallen, dann hatte ich es aber wieder vergessen. Nachrichten finden ihren Weg zu mir. Aber die Wege sind veschlungen. Früher wußte man etwas aus der Zeitung, aus dem Fernsehen oder vom privaten Gespräch. Heute gibt es die merkwürdigsten Kanäle im Netz. Das spannende daran: Auch das kann man als Abbild der dezentralen Architektur des Netzes sehen. Eine dezentrale Netzwerk aus Maschinen und Informationen führt eben auch zu eine dezentralsieriten Kultur von Informationsverbreitung.

@ben
(Peter, 09.07.2009, 09:45 Uhr #)
Die Frage ist n ur, ob der Mensch für diese dezentrale und unübersichtliche Informationskultur überhaupt gemacht ist. Ich glaube, die Menschheit überfordert das.

@Peter&ben
(J., 10.07.2009, 18:04 Uhr #)

Die Frage ist n ur, ob der Mensch für diese dezentrale und unübersichtliche Informationskultur überhaupt gemacht ist. Ich glaube, die Menschheit überfordert das.

Das glaube ich auch. Zumal es bei allem Fließen, Feeden, Flimmern und Rauschen immer "Pull"-Nutzung bleibt: Themenblog- oder -blogger-bezogene Auswahl der Feeds, die man sich anschaut. Da entstehen automatisch Defizite bei interessanten neuen Themen, die man nicht kommen sieht, weil sie außerhalb des Spektrums liegen und zu klein für einen Hype bleiben, der viral über alle Kanäle gestreut wird.

Ein Geschäftsmodell für die Mediendienstleistung der Zukunft: Aggregatoren, die für ein möglichst breites Publikum das Interessanteste (und eben auch das Interessante von abseitigen Themenfeldern) aus einer möglichst großen Zahl Quellen herausfiltern, zusammenstellen, gewichten, verifizieren, verdichten, bewerten und dem Publikum in übersichtlicher Form servieren, vorgeordnet oder auf Wunsch personalisierbar.

Wobei... Diese Art von Service kommt mir irgendwie bekannt vor... Ob man das in einer fernen Zukunft gar "Journalismus" nennt :-)?

geht es euch denn nur um das Tempo der Informationsverbreitung??
(Alex L., 17.07.2009, 15:03 Uhr #)
Ich finde, dass Blogs sich noch lange nicht hinten anstellen müssen, weil es eben Facebook oder Twitter gibt. Diese Dienste können sowas wie ein eigenes Blog niemals ersetzen, weil ein Blog etwas eigenes, etwas besoderes ist.


Ausserdem geht es einem Blogger nicht unbedingt um das Tempo der Verbreitung der Infos, zumindest nicht wenn man kein Newsblog betreibt. Es gibt Themen, welche in einem Blogbeitrag einfach besser und ausführlicher ins Szene gesetzt werden können. Da hat Twitter, indem man nur Links postet, nicht mitzuhalten.


Ich glaube nicht, dass diese Dienste uns Bloggern zu sehr zusetzen werden. Ehrlich gesagt möchte ich auch nicht, dass Facebook, Twitter und Co. jemals sowas wie ein Weblog verdrängen oder eine ernsthafte Konkurrenz darstellen.


Facebook and Twitter nutze ich selbst, aber parallel zum Bloggen, was auch OK ist. So kann es auch ruhig die nächsten 10 Jahre gehen:-)
Gruss..

Höher, schneller, mehr ? Blogs können Qualität bewahren
(Elisabeth Mardorf, 17.07.2009, 15:21 Uhr #)
Ich nutze Twitter und Blog, informiere mich auf etlichen Plattformen. Aber die Jagd nach Schnelligkeit ist ja kein Wert an sich. Ich schau mir gern alles neue an, aber meine Erfahrung ist: nicht alles, waas neu und schnell ist, ist sinnvoll.
Also anschauen, probieren, kritisch abwarten. Dann erst eintscheiden.

Weblogs sind etwas Beständiges, gehen aber mit der Zeit mit..
(Alex L., 17.07.2009, 15:39 Uhr #)
@Elisabeth Mardorf,
da gebe ich dir Recht und auch wenn mal als Blogger etwas langsamer ist, behält man eine gewisse Beständigkeit, nicht einfach schnell einen Link gesetzt und weg:-)


Twitter z.B. ist ein ideales Instrument, um das eigene Blog weiter zu promoten und neue Blogbesucher zu generieren, aber es sind auch schon viele Twitterianer vom Twittern zum Bloggen hingekommen.


Es wäre ja jammerschade, wenn es immer weniger Blogger geben würde, da Twitter einfacher zu handhaben ist. Man muss nicht grossartig eigene Themen aufbereiten und twittert einfach vor sich hin. Für einige ist es wahrscheinlich sehr vorteilhaft..

Realtime - wozu?
(Ralph, 18.08.2009, 10:12 Uhr #)
Komisch, mein Problem beim Bloggen ist nicht, dass ich meinen Content nicht schnell genug im Netz habe, sondern dass es so lange dauert, bis ich einen Beitrag recherchiert und verfasst habe. Umgekehrt ist mir aber auch nicht wichtig, dass jemand in Realtime seine Gedanken absondert, sondern dass Blog-Beiträge fundiert und relevant sind. Relevant finde ich aber nicht z.B. die Meldungen wie jene, dass Google diesen oderjenen neuen Service entwickelt oder Friendfeed von Facebook gekauft wurde, wie sie tausendfach auf vielen Blogs in Beinahe-Realtime zu lesen waren. Relevant finde ich fundierte Analysen, die auf Gesprächen mit Zeugen oder Insidern basieren. Und dann ist es mir auch wurscht, ob ich das jetzt in Realtime lese oder heute Abend in der New York Times.

"Paralleluniversum" Web 2.0
(Klaus, 24.08.2009, 13:42 Uhr #)
Hab vor kurzem ein sehr interessantes Buch in diese Richtung entdeckt, welches sich mit den Wirkungen des Web 2.0 (kritisch) auseinandersetzt...

"Paralleluniversum Web 2.0" von Hans G. Zeger - darin beschreibt er wie das "Paralleluniversum" Web 2.0 unsere Gesellschaft verändert und erobert und erklärt Grundlagen, Ziele und Geschäftsmodelle dessen.

Ich bin grad dabei es zu lesen und verschlinge es förmlich!