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Blog Age - das Blog von Peter Schink

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Pfade durch die Blogosphäre weisen

Der folgende Text von mir erschien gestern auf Welt Debatte. Eine Anregung für alle, die die Struktur der Blogosphäre schon viel zu vertraut ist.

Die Blogger bilden heute ein gigantisches Netzwerk der Kommunikation. 70 Millionen gibt es bereits weltweit. Die meisten Internetbesitzer schreckt jedoch die gewaltige Unübersichtlichkeit davon ab, in die Blogosphäre einzutreten. Suchmaschinen helfen da kaum weiter.

Sind Sie schon mal durch die Welt der Blogs gesurft, durch die so genannte Blogosphäre? In den letzten Jahren ist auf vielen Millionen Websites, die noch manchmal abfällig als „private Internet-Tagebücher" bezeichnet werden, ein vielstimmiges öffentliches Gespräch entstanden. Inzwischen bloggen Juristen, PR-Experten, Designer, Politiker, Medienschaffende, Ökonomen, Architekten oder Künstler. Junge Wissenschaftler schreiben als „hard blogging scientists" genauso wie Katzenliebhaber, junge Eltern, Weltreisende oder Teenager. Mal geht es um harte Fakten, mal um persönliches oder launige Erzählungen. Es gibt Blogs aus allen Ecken der Welt, aus den USA genauso wie aus Iran oder Bhutan.

Weltweit wird ihre Zahl auf 70 Millionen geschätzt, in Deutschland auf etwa 100.000 bis 400.000. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hat inzwischen ein Video-Blog, und ihre Verlautbarungen werden regelmäßig in der Tagesschau zitiert. Und das haben Sie sich noch nicht angesehen? Da sind sie nicht allein. Das haben Sie mit vier von fünf deutschen Internetnutzern gemeinsam. Kein Wunder, der Einstieg in die Blogospähre gelingt derzeit nur beschwerlich. Meinen Eltern würde ich dieses Abenteuer nicht empfehlen.

Fragen Sie mal einen versierten Blogleser, wie er liest und interessante Geschichten findet. In der Regel wird er einen Feedreader – eine Software - besitzen, in dem er über die Monate und Jahre die interessantesten Blogs gesammelt hat. Zudem nutzt er einschlägige Suchmaschinen und klickt sich von einem Blogbeitrag zum nächsten. Nur so findet er unter vielen Dutzenden Blogeinträgen diejenigen, die interessant und lesenswert sind.

Wer spannende Blogeinträge lesen will, braucht also passendes Werkzeug, einiges an Erfahrung und viel Zeit. Wer sich ohne Vorwissen in die Unübersichtlichkeit der Blogosphäre begibt, verliert sich leicht. Er bleibt auf der Strecke.

Das darf nicht sein, und das muss es auch nicht. Viel zu spannend ist der Dialog. Die Welt der Blogs gleicht einem Zeitschriftenladen, der endlose Regalreihen besitzt. An jeder Zeitschrift dieses Ladens steht zugleich der Autor und steht für ein offenes Gespräch zur Verfügung. Dieser globale Dialog der der bloggenden Fachleute und Katzenversteher muss nicht nur öffentlich geführt werden, er muss auch für jeden leicht zugänglich sein. Bislang wollen viele Menschen den Zeitschriftenladen nicht betreten, weil sie seine Sortierung nicht verstehen.

Die Unübersichtlichkeit rührt jedoch nicht aus der Vielzahl der Blogs, wie oft irrtümlich angenommen wird. Ursache ist die Dominanz der Suchmaschinen. Sie beanspruchen für sich, das Web sinnvoll zu erschließen. Für Blogs heißen unsere technischen Freunde zum Beispiel „technorati.com" oder „blogsearch.google.de". Doch sie wählen den falschen Ansatz: Nur wer weiß, nach welchen Begriffen er suchen muss, erhält ein Ergebnis. Wer aber die Blogosphäre für sich entdecken will, kennt oftmals keine exakten Suchbegriffe. Blogs funktionieren wie eine Zeitung: Man weiß vorher nie, was man präsentiert bekommt. Suchmaschinen aber sind unfähig, spannende oder abseitige Blogbeiträge zu präsentieren, oder herausragende Glossen. Sie lassen uns nur suchen, aber niemals stöbern.

Wollten Suchmaschinen einen Einstieg in die Blogosphäre ermöglichen und einen Überblick bieten, ist die Umkehr des vorherrschenden Prinzips nötig. Statt gesammelte Inhalte nur auf Suchanfrage zu präsentieren, müssen sie aggregieren, anschließend selektieren und schließlich aufbereitet darstellen. Das Prinzip heißt: Darstellung von Inhalten ohne Suche.

Google versucht etwas ähnliches bereits mit Inhalten von Nachrichtenseiten. Statt der Suche steht bei „Google News" die Präsentation der Inhalte im Vordergrund. Der Blogosphäre fehlt noch ein ähnlich ausgereiftes Aggregationstool, das auf einer Website vielfach verlinkte Blogbeiträge oder viel kommentierte Texte nach vorne bringt. Das beispielsweise wichtige Debatten oder Kontroversen hervorhebt. Es muss nicht vollständig sein, aber einen Überblick geben.

„Google News" hat allerdings eine logische Schwäche. Das Ergebnis ist nach wie vor mäßig, weil der menschliche Instinkt fehlt. Google kann keine wertvollen Artikel hervorheben, etwa wenn ein interessantes Thema bislang nur von einem Medium aufgegriffen wurde. Die Technik kann ihn nicht aufspüren.

Unverzichtbar bleibt also für die Erschließung der Blogosphäre der Einsatz menschlicher Intelligenz, auf den „Google News" bislang verzichtet: Um schlechte von guten Texten zu trennen, die unwichtigen von den wichtigen, die drögen von den lustigen, die konformen von den einzigartigen Blogbeiträgen.

Journalistische Kompetenz ist hier gefragt. Eine solche Website wäre keine Suche, nur bedingt ein technisches Tool und zuallererst ein gut gemachtes Magazin – das Überblick bietet und zugleich die Perlen hebt. Das könnte man seinen Eltern und Großeltern als Einstieg in die Blogosphäre empfehlen.

Es gibt Grund zur Hoffnung, dass eine solche Erschließung nicht mehr lange auf sich warten lässt. Journalisten sollten allerdings nicht länger mit Bloggern streiten, ob sie überhaupt relevante Inhalte produzieren. Halten sie sich damit noch lange auf, werden am Ende eine Vielzahl von Internetnutzern die Perlen der Blogosphäre gemeinsam heben. Als kollektive Intelligenz, die heute beispielsweise schon in der Wikipedia funktioniert. Dann wäre das Wiki-Prinzip schneller als Suchmaschinen oder Journalisten.

Kommentare (2)

puh!
(Meskalin, 06.08.2007, 15:27 Uhr #)
Für meinen Geschmack etwas lang, der Artikel. Zumal dabei nichts weiter Prickelndes bei rumkommt: Journalistisch aufbereitete Feed-Filter (Aggregatoren) gibt es - und sie helfen nur wenig durch den Dschungel. Und Seiten, die mir die Top100-Blogs auflisten - na danke, da flutschen die vielleicht guten aber unbeachteten Blogs einfach so durch. Überhaupt werden so die populären Blogs nur immer populärer und die kleinen liest weiterhin niemand (das kennst du ja vielleicht).
Und nu? Weitere Ideen? Bin gespannt!

sag ich ja...
(Peter Schink, 07.08.2007, 09:23 Uhr #)
Na eben, das sage ich ja: Die vorhandenen Tools sind alle schlecht, es braucht was besseres. Die Top100 helfen nicht, und journalistisch aufbereitetes ist unbrauchbar bislang....