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Blog Age - das Blog von Peter Schink

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Löschen im Web 2.0 keine gute Idee

Blogs verändern die Kommunikation im Internet. Das wissen alle, aber im Detail ist es schwierig so etwas abzusehen. Mein Brötchengeber hat gestern wieder erfahren, dass Kommunikation im Web inzwischen anders funktioniert als noch zu Offline-Zeiten.

Gestern ist viel diskutiert worden, nachdem im Bildblog dieser Eintrag erschien. Da hat jemand bei der Welt in seinem Blog deftig geschrieben über jemand bei Bild. Wird im Konzern nicht gern gesehen, das kann man verstehen. Wie sagte ein Kollege so passend: Wenn jemand bei Chrysler über den Smart herzieht, geht das ja auch nicht. Und die bundesdeutsche Geschichte von Bild tut ihr Übriges dazu, könnte man sagen.

Aber egal. Der Streit, ob der geneigte Welt-Autor kritisch, mit spitzer Zunge und heftigen Worten über den Bild-Chefredakteur schreiben darf, ist nachvollziehbar.

Doch was sollte mit der Löschung des Postings bezweckt werden? Wenn der Zweck war, ein deutliches Statement abzugeben, dass Welt-Autoren nichts böses über Bild schreiben dürfen, hat es funktioniert. In den letzten 24 Stunden gab es 218 Einträge in Weblogs dazu, und selbst der Branchendienst Kress griff die Sache innerhalb von wenigen Stunden auf. Ich vermute nur, eine solch öffentliche Debatte wollte mein Arbeitgeber nicht eröffnen.

Die Aufmerksamkeit wurde jedenfalls durch die Löschung so groß, dass einige Medien darüber berichten. Kommunikation im Web 2.0 ist ein komplexes Konstrukt. Und ein Vorgehen wie das gestrige wird schnell bestraft und dient nicht gerade dazu, "Online first" zu leben und den Verlag im Internet nach vorn zu bringen.

Ich wünschte mir sehr, solche Veränderungen in der Internet-Kommunikation würden gesehen - die Kompetenz gibt es ja im Haus.

Aber irgendwie ist es schon toll. Dass die 68er doch glatt Debatten hervorrufen, die bis ins Web 2.0 reichen.

Kommentare (22)

comment is free ...
(blogr, 10.05.2007, 12:39 Uhr #)

Wie heißt nochmal Euer Gegenstück bei Guardian:

comment is free ...


(Hans 2.0, 10.05.2007, 14:47 Uhr #)

Als ob das KD oder die BILD anficht.^^
BILD ist immernoch die meistzitierte Tageszeitung. Das Problem sitzt nicht in Hamburg, sondern in den übrigen Redaktionen der Republik.

Springerpresse halt
(bustaa, 10.05.2007, 15:00 Uhr #)
Springerpresse ? Nein Danke!

Wann merkt eigentlich jemand das K. D. langsam aber sicher zum Problemfall wird ?

Diek... = Buh... ?
(Clap, 10.05.2007, 19:07 Uhr #)
Nu' macht den Diek- doch nicht alle zum Buh-mann! Helft ihm lieber, wieder in Top-Form zu kommen! Zumindest optisch ...
http://999blogs.de/clap-club/?p=120

Solidarität mit Alan Posener
(Jörg Sutter, 10.05.2007, 22:14 Uhr #)
Obwohl APO in seinem Frust erst einmal mich zur Hinrichtung freigegeben hat:
http://debatte.welt.de/weblogs/148/apocalypso/21170/wozu+zensur+gut+ist
möchte ich ihm hier beistehen. APO ist ein toleranter und unkonventioneller Geist. Es ist mutig, wenn er etwas zu Kai Diekmann schreibt. Es ist auch mutig, etwas zu Herrn Döpfner zu schreiben.
Und Mut braucht man im heutigen Hömorriden Deutschland.

"Löschen im Web 2.0 keine gute Idee"
(Jörg Sutter, 11.05.2007, 06:06 Uhr #)
Offenbar doch? Und hier?

Zensur ist eine Frage der Übung
(Jochen Hoff, 11.05.2007, 10:20 Uhr #)
Es ist schon seltsam wenn Leute die in Speakers Corner selbst eifrige Zensoren waren und stramm für den "rechten" Weg sorgten, sich nun gegen Zensur aussprechen.

Aber wahrscheinlich ist das jetzt Zensur 2.0.

Nicht das ich damit rechnen würde das dieser Kommentar erscheint oder gar bleibt. Aber ich werde das Thema dann gerne in meinem Blog aufgreifen.

RE: Zensur ist eine Frage der Übung
(J. C. , 11.05.2007, 11:00 Uhr #)

@ Jochen Hoff... oh mann, was soll den diese peinliche Drohung... Web 2.0 ist dann auch oft mal wie ein Kindergarten... vielleicht mal über die eigene Relevanz nachdenken...

Darf ich Alans gelöschten Text nun posten?
(Jörg Sutter, 11.05.2007, 11:05 Uhr #)
Er ist ja nur kurz....

Diekmann Eigentor
(Hansy Schekahn, 11.05.2007, 12:33 Uhr #)

Wer wir Diekmann täglich nur austeilt, Kriege anzetteln will, Menschen medial vernichtet, Huren bewirbt und den Papst liebt, in der RAF-Frage laufend das deutsche Rechtssytem in Frage stellt und einfach die fehlerreichste Publikation im deutschsprachigen Raum verbreitet - der sollte auch einmal einstecken können.

Und wenn selbst das durch eine Löschung verhindert werden soll (deren Folgen ja bekanntlich das Gegenteil erzeugten), finde ich das noch Ärmer, als Diekmann und die Bild eh schon sind.

Zensur ist eine Frage der Übung
(Jochen Hoff, 11.05.2007, 12:47 Uhr #)
Es ist schon seltsam wenn Leute die in Speakers Corner selbst eifrige Zensoren waren und stramm für den "rechten" Weg sorgten, sich nun gegen Zensur aussprechen.

Aber wahrscheinlich ist das jetzt Zensur 2.0.

Nicht das ich damit rechnen würde das dieser Kommentar erscheint oder gar bleibt. Aber ich werde das Thema dann gerne in meinem Blog aufgreifen.

Zensur...
(Peter Schink, 11.05.2007, 13:43 Uhr #)
"Zensur" ist immer ein schönes Schlagwort. Blogs in Verlagen werfen ja tatsächlich die Frage auf, inwieweit sie der redaktionellen Linie entsprechen sollen. Aber leider hat diese Debatte (!) noch niemand öffentlich geführt...

@all: Solange hier niemand unflätige Kommentare veröffentlicht, werden sie auch nicht gelöscht. Die Anspielung von Jochen Hoff verstehe ich sowieso nicht?!

Unglaubliches Eigentor
(Eviltux, 12.05.2007, 01:17 Uhr #)
Ob sich KD das so vorgestellt hat? Wohl kaum. Großes Lob an den Informanten "Speicherbaustein", hoffentlich bleibt seine Anonymität gewahrt.

WELT-Zensur 2.0, diesmal in "Satire":
(Jörg Sutter, 12.05.2007, 05:58 Uhr #)
http://www.bildblog.de/2255/weltde-ersetzt-kai-diekmann-durch-knut

Manueller Trackback
(Philip, 12.05.2007, 13:20 Uhr #)
"Das Thema Nebenjob wollte ich eigentlich hier ganz herauslassen, aber im Moment geht es heiß her bei WELT DEBATTE, wo ich im Moderationsteam arbeite. Grund dafür ist eine nicht gerade zimperliche Polemik des WELT-Kommentarchefs Alan Posener auf Kosten des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann. [...]"

Sinn von Blogs in Medien
(massenpublikum, 12.05.2007, 20:07 Uhr #)
Dieser Vorfall führt zwangsläufig auch zu der Diskussion, wozu Medien eigentlich Blogs brauchen. Entweder die Blogger dürfen schreiben, wonach ihnen ist (eben auch auf die Gefahr hin, Kritisches über den Arbeitgeber zu posten), dann kann es eben auch negative Kritik geben, mit der man sich auseinandersetzen muss. Oder aber es gibt eine Zensur wie im vorliegenden Fall. Dann muss man es nicht Blog nennen, dann tut es auch die Bezeichnung "Kolumne". Ist zwar nicht so cool, trifft dann aber den Kern der Sache.

Blogs und Medien
(Peter Schink, 13.05.2007, 18:51 Uhr #)
@massenpublikum: Da hätte ich eine andere Definition von "Kolumne". Ein Blog ist erst mal technisch etwas völlig anderes. Außerdem ist es "dialogorientiert" (auch wenn der Begriff schwammig ist), zudem persönlich und lang nicht so sprach-formgebunden wie eine Kolumne. Da sind also mindestens drei Aspekte, die (auch) alten Medien völlig neue Möglichkeiten eröffnen.

Was ist Meinung?
(Hans Henke, 14.05.2007, 09:57 Uhr #)

Kann mir einer erklären, warum so ein Meinungsghetto namens Debatte überhaupt geschaffen wird, wenn dort nicht debattiert werden darf? WELT scheint wie schon traditionell Probleme zu haben, Meinung als solche zu erkennen und Meinung von Nachricht abzugrenzen. Auf der Homepage von WELT finden sich unter "Zweite Meinung" Nachrichten aus anderen Online-Medien, das sind keine Meinungsbeiträge. Das ist entlarvend und symptomatisch.
Und der Depatte-Teaser auf der Homepage. Wenn auf dem Foto schon expressiv geschrieen wird, dann sollten wenigstens Diekmann, Döpfner und Keese abgebildet werden, wie sie auf den körperlich kleineren Alan Posener einbrüllen.

"Welt"offenheit bei Springer und den 68ern
(Stephan Reber, 15.05.2007, 13:55 Uhr #)
Alan Posener, dessen Vorbehalte gegenüber der Bildzeitung ich vollkommen teile, verwechselt jedoch Ursache und Wirkung im konkreten Fall und übersieht, dass gerade eine liberale und pluralistische Gesellschaft die Bildzeitung mit ihren "Wichsvorlagen" aushalten muss. Denn die Bildzeitung liefert "nur" das, was Millionen von Deutschen gerne haben wollen und was diese sich sonst in anderen Medien und aus dem Internet holen. Insofern wird die Bildzeitung von dem Geschmack eines nicht kleinen Teils der Bevölkerung produziert.


(, 15.05.2007, 18:27 Uhr #)

Ach du liebe Güte. Wie sich "Welt"-Chef Keese im Süddeutsche-Interview windet au den Hinweis, die Entfernung eines Blog-Beitrags stelle "das Wesen des Blogs infrage":

"Ich finde, es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen professionellem Journalismus und Blogs. Blogs sind private Tagebücher, professioneller Journalismus besteht aus der Kombination von Schreiben und Redigieren. Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus."

Komisch nur, dass "Welt Online" dann überhaupt Blogs wie die von Alan Posener anbietet. Aber es wird noch absurder. Keese weiter: "Meine Meinung dazu ist jetzt klar: Keine der beiden Formen kann gewinnen, wenn man sie vermischt. Deshalb sollten professionelle Journalisten bei ihrer normalen Tätigkeit auf einer journalistisch professionell betriebenen Website keine subjektiven Blogs verfassen."

Auf die Gegenfrage, ob Poseners Blog nun abgeschafft wird: "Er wird künftig wie alle Blogs eigener Redakteure vor der Veröffentlichung gegengelesen. Das ist der normale Gang der Dinge."

Ja, was denn nun?? Entweder bloggt man - oder man veröffentlicht "normale" Artikel im Blatt. Eben sagt Keese noch, man solle beide Formen nicht vermischen -- und dann sagt er, Blogs würden "gegengelesen"... sprich: unter Umständen zensiert. Hat Herr Keese überhaupt verstanden, was ein Blog ist?? Man kratzt sich am Kopp.


(Heinz-Peter Tjaden, 18.05.2007, 10:50 Uhr #)
Der Bild-Mann, der in der Kommune I Uschi Obermaier war...

Hamburg (tj). "Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient": Dieser legendäre Satz von Fritz Teufel, 1967 Mitbegründer der Ur-Wohngemeinschaft "Kommune I" und immer einmal wieder Knastbruder, so nach dem vereitelten Tortenattentat auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey und nach einem angeblichen Steinwurf bei der Anti-Schah-Demonstration zu Berlin am 2. Juni 1967, auch gelten lassen für "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, der ein Buch über die 68-er schreiben will? Titel: "Der große Selbstbetrug". Lesen, wie er alle in einen Topf wirft: den Sozialistischen Studentenbund und die Rote-Armee-Fraktion, Anti-Springer-Demonstranten ("Enteignet Springer") und die Ostermarschierer?

Zum "Selbstbetrug" neigt Kai Diekmann wahrlich nicht, wird er sich doch noch nie vorgestellt haben, dermaleinst mit Uschi Obermaier auf der Titelseite des "stern" geprangt zu haben, doch an den Pranger stellen wird er sie alle, fürchtet offenbar
auch Alan Posener von der "Welt am Sonntag", der auf "Welt-Debatte" geschrieben hat: "“Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts ´bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer´ zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine
Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen.”

Lange gestanden haben diese Sätze in diesem Welt-Debatte-Blog nicht, der Axel-Springer-Verlag schritt ein: "Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden. Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten
unserer Unternehmenskultur. Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen."

Seither werden Poseners Zeilen durch das Netz gejagt, sind gelandet beispielsweise im law.blog: "Der Link funktioniert schon nicht mehr, wie auch BILDblog gerade meldet. Also, wenn Herr Posener Lust hat, kriegt er den vollständigen Text sicher auf unzähligen Weblogs unter, dieses eingeschlossen."

Fritz Teufel hat wie kaum ein Anderer verknöcherte Zeitgenossen lächerlich gemacht. Als die Staatsanwaltschaft verkündete, der heute 63-Jährige sei als Kopf der "Bewegung 2. Juni" überführt, schwieg der Kommunarde, bis seine Aussage der Wahrheitsfindung diente, lieferte ein hieb- und stichfestes Alibi und verließ den Gerichtssaal als freier Mann.

Manchmal war auch die "Tagesschau" dabei, wenn Fritz Teufel seine Späße machte - und die "Tagesschau" wird dabei sein, wenn Kai Diekmann sein 68er-Werk präsentiert. In den Wald der Mikrophone wird er rufen: "Ich nehme nun meine Maske ab. Dies ist nicht mein erstes Enthüllungsbuch." Die Kameras werden surren, wenn er sagt: "Seht her. Ich bin Günter Wallraff." Dann groß im Bild das Cover des Buches: "Der Bild-Mann, der in der Kommune I Uschi Obermaier war."

grundproblem
(Ceci n'est pas Voltaire, 18.05.2007, 12:44 Uhr #)

Der fall Posener-Diekmann zeigt, dass sich klassische medien und bloggen in selbstkritischen grenzbereichen nicht vertragen.

Der normalblogger darf, was laut Tucholsky satire darf: alles (was nicht gesetzlich verboten ist). (Gesetzlich) Erlaubt ist jedenfalls massive, polemische kritik am chefredakteur einer großen boulevardzeitung.

Wer sein blog jedoch als mitarbeiter im rahmen einer verlags-website pflegt, strapaziert die v.i.s.d.p. seines chefredakteurs. Auch dort gilt daher die "blattlinie" - medien sind anerkanntermaßen tendenzbetriebe. Arbeitsrechtlich ist der blogger überdies uneingeschränkt vertraglich seinem arbeitgeber verpflichtet, zu loyalität, zur verschwiegenheit. Die meinungsfreiheit hat also in einem medien-eigenblog deutlich engere grenzen als in einem privatblog. Weiter gehende freiheiten als in der gedruckten zeitung hat der blogger auf dem website dieser zeitung allenfalls stilistisch und räumlich. Ob massive, polemische kritik an einem verlagskollegen dort zulässig ist, muss vor diesem hintergrund bewertet werden.

Da der asv wiederum vertraglich auch gegenüber KD zur loyalität verpflichtet ist, blieb ihm wahrscheinlich nichts anderes übrig, als den blogbeitrag zu löschen. Hier von zensur zu sprechen, ist nicht ganz fair. Und es zeugt auch nicht von medienkompetenz.

Ob Posener KD zu recht kritisiert hat und ob seine kritik für sich betrachtet angemessen und angebracht war, spielt bei diesen überlegungen keinerlei rolle. Es ist auch egal, ob glühendes lob wohl stehen geblieben wäre (so ist es wohl). Es geht allein darum, wie die streichung des beitrags zu bewerten ist, und ob der asv dabei die wahl hatte. Und es geht um die mit jedem neu eröffneten blog bei vielen ein wenig mehr gefestigte illusion, das internet biete - außerhalb kubas, chinas, birmas und nordkoreas - jedem grenzenlose freiheit. Dies ist ein schulbeispiel dafür, dass dies offenkundig nicht der fall ist.

Die regeln bleiben die regeln: Was man schon immer mal seinem liebsten kollegen oder seinem vorstandsvorsitzenden sagen wollte, kann man unter vermeidung von in komplexer weise - und eben auch rechtlich - problematischen indiskretionen und deren nahe liegenden folgen nicht auf dem marktplatz herausposaunen.