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Blog Age - das Blog von Peter Schink

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Readers Edition wird früh erwachsen

Als ich im letzten Frühjahr die Readers Edition für die Netzeitung konzipiert habe, hätte ich mir das niemals träumen lassen. Mein ehemaliger Chef kauft das Bürgerjournalismus-Projekt.

Die Netzeitung verkündete gestern per Pressemitteilung, dass Michael Maier die Netzeitung verlässt. Im gleichen Zug "kauft" er die Readers Edition, weil er persönlich nun ganz auf Web 2.0 setzen will.

Bislang steht dazu noch nichts im Readers Edition Blog, aber das kann sich ja noch ändern. Dafür gibt es bereits einen Artikel von Frank Hamm (der selbst einer der Moderatoren ist), in dem schon fleißig debattiert wird (derzeit 26 Kommentare).

Kurze Zitate einiger Beiträge:

- "So einfach verkaufen lässt sich doch RE nicht inklusive aller Artikel"
- "Und ich würde mich vor allem fragen, auf welche Weise denn zukünftig Einnahmen generiert werden sollen."
- "Mir zum Beispiel ist es definitiv nicht egal, ob mit meinen Texten Geld verdient wird."
- "Meines Erachtens muss hier eine Möglichkeit eingeräumt werden, die zur Verfügung gestellten Artikel zu löschen, bevor verkauft wird."
- "Aber für die Idee der Readers Edition darf durchaus zuerst Idealismus und Engagement von allen erwartet werden - bis vielleicht mal Gewinne sprudeln."
- "bislang viel zu wenig Information"
- "Da gab es doch vor kurzem einen Vorstoß von einem Typen namens Martin, der bereits nach Volontären für die RE gesucht hat."
- Maier selbst: "Mich hat übrigens die Qualität vieler (sicher nicht aller) Artikel überzeugt, das Projekt zu kaufen."

Ich selbst habe die Readers Edition ja Anfang Juni 2006 als Angestellter der Netzeitung mit viel Idealismus an den Start gebracht (Georg Seibt trifft mit seinem Kommentar den Punkt). Dabei war mir immer klar, dass sich das Projekt irgendwann auch selbst tragen muss. Dass die Readers Edition aber bereits nach sechs Monaten auf eigenen Füßen stehen soll, finde ich ambitioniert. Das Projekt muss nun früh erwachsen werden.

Die Werbeeinnahmen dürften für eine Weiterentwicklung bzw. den Unterhalt einer Betreuung wohl noch nicht ausreichen. Da kann es nur hilfreich sein, wenn sich Michael Maier persönlich für das Projekt engagiert.

Klar ist auch (auch wenn einige der Kommentare das falsch verstehen): Die Texte der Readers Edition stehen unter einer "Creative Commons Lizenz", die lediglich eine kommerzielle Nutzung für andere Plattformen außschließt. Die Betreiber der Plattform selbst dürften ggf. so viel Gewinn mit der Readers Edition machen, wie sie wollen.

Doch das ist Kernpunkt des Problems, wenn Maier das Projekt als eigene Firma betreiben will: Die Autoren und Moderatoren der Readers Edition werden nur so lange aktiv sein, wie sie sich fair behandelt fühlen und nicht fürchten, dass jemand anderes versucht Profit zu machen. Was ja eigentlich der Zweck der meisten Firmen ist. Wie fragil so eine Stimmung unter Ehrenamtlichen sein kann, hat kürzlich erst der Stern mit seinem Bürgerjournalismus-Projekt erfahren müssen.

Schon jetzt fragen einige, ob die Firma wohl auch an Bezahlung von Autoren und Moderatoren denkt. Michael Maier selbst hat darüber ja schon lange laut nachgedacht. Ich persönlich halte das für den falschen Weg (siehe wiederum Georg Seibts Kommentar). Das Projekt verlangt viel Engagement, dass nicht adäquat zu bezahlen wäre.

Ich wünsche der Readers Edition und Michael Maier jedenfalls weiter viel Erfolg und werde auch von Zeit zu Zeit selbst Dinge veröffentlichen), solange die Readers Edition sich als Plattform für Bürgerjournalismus versteht. In Wikipedia gibt es eine schöne Definition, dort wird Bürgerjournalismus in Abgrenzung zum Amateurreporter definiert:

Amateurreporter, die der Bild wie Paparazzi per Handy Sensationsjournalismus liefern, sind etwas anderes. Doch wo bezahlter Niveaujournalismus allzu knapp (bezahlt und besetzt) ist, PR und andere Abhängigkeiten ihn fast erdrücken etc., bewirken unabhängige, gut recherchierte Beiträge u.U. mehr. (Von bezahltem Journalismus können immer wenigere leben (vgl. Studie Siegfried Weischenberg); Laien verschärfen das noch.)

Dieser Satz könnte der Beginn für eine spannende Diskussion über die Zukunft der Readers Edition sein.

Kommentare (4)

Inhaltsebene vs. Betreibergesellschaft
(Frank Hamm, 21.12.2006, 11:19 Uhr #)
Meine persönliche Position zur Zukunft von RE geht in eine ähnliche Richtung:

RE selbst soll "frei" sein und möglichst vielen Nicht-Profis das Veröffentlichen von Inhalten (Text, Bildern, mehr?) ermöglichen. "Profis" wären eine Bereicherung, aber als Ergänzung. Diese Inhaltsebene ("journalistische" E.) inkl. Moderation, Weiterentwicklung, Förderung von *was auch immer* etc. muss dem Bürgerjournalismus und ideellen Werten verhaftet bleiben.

Aber die Plattform (wie auch immer die aussehen wird - Technik, Rechtsform, Organisation etc.) muss irgendwann finanziell tragend sein. Da sind viele Modelle (andauernde Spendenaktionen, dauerhaftes Sponsoring von Unternehmen, Kampagnensponsoring, kommerzielle Betreibergesellschaft mit Gewinnerzielungsabsicht etc.) und Mischformen denkbar. Der Schritt zu dieser finanziellen "Unabhängigkeit" kommt jetzt nach 6 Monaten recht schnell.

Und dann liegt da der Knackpunkt: Die Konstruktion und Mentalität der Plattform dürfen nicht im Widerspruch zu den Vorstellungen der Beteiligten für die "Inhaltsebene" stehen. Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten Wochen einen "Einigungsprozess" zwischen und mit allen Beteiligten geben wird.

Soweit mein ganz persönlicher Senf :-)

und Maier?
(Peter Schink, 21.12.2006, 11:23 Uhr #)
Darüber sollten sich vor allem die Moderatoren mit Michael Maier unterhalten... Schließlich seid ihr der Kern der Mannschaft.

Web-2.0-Dilettantismus
(Wilhelm Ruprecht Frieling, 21.12.2006, 12:16 Uhr #)
Lieber Peter,

als Gründungsvater bringt Du es auf den Punkt: es geht um Dialog und Fairness. Davon ist bislang wenig zu spüren.

Schon der geheimnisvolle Auftritt des "Beraters" Hugo Martin auf dem Stammtisch der RE am 24.11.06 machte zwar deutlich, dass etwas im Busch war. Aber was? –

Das "Ergebnis" liegt jetzt vor, und es wirkt denkbar schlecht vorbereitet. In einem Projekt mit dem Anspruch der RE Moderatoren und Autoren, also die Wasserträger, in der Entscheidungsfindung aussen vor zu lassen, grenzt an Web-2.0-Dilettantismus.

Ein derartige Vorgehensweise erinnert methodisch an den Frühkapitalismus und provoziert Verweigerung. Schade um das großartige Projekt!

Rupi

@Rupi: sehr kategorisch...
(Peter Schink, 21.12.2006, 13:41 Uhr #)
Hallo Rupi, so kategorisch wäre ich da natürlich noch nicht. Zwar ist die Art der Veröffentlichung vielleicht etwas dilletantisch - aber das "Ergebnis" wie Du es nennst, ist ja bislang nur ein Formelles.

Ich denke, entscheidend wird sein, ob und wie das konzept der Readers Edtion geändert wird. Da bin ich gespannt.