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Blog Age - das Blog von Peter Schink

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Hintergrund: Sinnvolles Tagging

Ok, seit es Sammlungen wie "del.icio.us" und "flickr" gibt, hat Tagging Hochkonjunktur. Auch ich liebe Tag-Wolken. Doch die können schnell unübersichtlich werden. Sieben grundsätzliche Anmerkungen zum Thema.

Visualisierung von Tags des Nutzers "julan" auf del.icio.us
Visualisierung von Tags des Nutzers "julan" auf del.icio.us

Ok, ich habe vor etwa einem Jahr angefangen, meine Links zu taggen. Eine Woche nach dem Start dieses Blogs über das Web 2.0 habe ich ein paar grundsätzliche Gedanken zusammenzutragen.

Vorweg: Bislang gibt es im Internet erstaunlich wenige Tipps zum Thema. "Wired" hat vor kurzem einen recht sinnvollen Artikel veröffentlicht, der aber auch nur einen Teil der Problematik erfasst. Weitere Links unten.

1. Problem: Sinnvolle Tags

Klar. Wer keine sinnvollen Begriffe verwendet, wird hinterher seine Daten auch nicht wiederfinden. Robert Andrews empfiehlt...

  • - keine Tags zu verwenden, die ähnliche Bedeutung haben (z.B. design und webdesign)
  • - Tags nicht zu im Laufe der Zeit zu wechseln (z.B. von photos auf photographie zu wechseln)
  • - Allgemein verständliche Tags zu verwenden (wer versteht schon web 2.0 :-)
  • - Besser allgemeine Tags verwenden (statt nokia760 besser nokia)

Auf einige der genannten Aspekte will ich gleich noch eingehen. Es gibt aber noch einen weiteren (via RSS-Blog): Man sollte nicht versuchen, etwa neue Wikipedia-Artikel mit dem Tag wiki zu beschriften - oder Zeitungsartikel mit news. Tags sollten niemals auf die Quelle verweisen.

Die Botschaft ist klar: Nur wer sauber tagt, wird später auch Daten wiederfinden. Ich sehe darüber hinaus aber noch ein paar weitere sprachliche Probleme.

2. Problem: Wortvarianten

Verdammt, wie oft habe ich schon statt dem Tag "Blog" versehentlich "Blogs" verwendet, oder statt "Photo" auf einmal "Photos". Das passiert schneller, als man hinterher wieder korrigieren kann. Sieht man sich die Linksammlung bei del.icio.us an, herrscht dort genau das gleiche Problem.

Ich plädiere deshalb dafür, beim Taggen von Substantiven prinzipiell nur den Plural zu verwenden. Denn in der Regel wird es sich bei dem Fundstück in der Regel sowieso um einen Plural handeln (Photos, Reisen, Blogger, Autos, Bäume). Und das einzelne Auto findet man in der Photosammlung dann wenigsten einfach wieder.

Das gleiche gilt natürlich für anderes, wo sich Sprache einfach zu leicht variieren lässt: Verben nur im Infinitiv verwenden, statt Großschreibung nur Kleinschreibung einsetzen.

3. Problem: Sprachbarriere

Darüber hinaus gibt es natürlich eine sprachliche Barriere. Das geht schon los bei normalen Wörtern (Autos und cars), wird aber noch schwieriger bei geographischen Angaben, copenhagen und købnhavn. Deshalb muss sich bei der Verwendung von Social Software bei transnationalen Gemeinschaften im Internet ein gemeinsamer Sprachstandard etablieren. Mir wäre ja Esperanto am liebsten, aber Englisch ist wohl für Tags doch naheliegender (sorry, Frankreich).

4. Problem: Übersichtlichkeit

Eine These: Es gibt zu viele Tags. Ein Beispiel: Meine eigene Link-Sammlung umfasst im Moment 532 Links innerhalb von 213 Tags. Dabei bemühe ich mich schon, möglichst wenige unterschiedliche Tags zu benutzen. Bestimmt die Hälfte meiner Tags hüten nur einen einzigen Link.

Den gleichen Effekt kann man bei allen del.icio.us-Nutzern sehen, wenn man zum Beispiel wunderschön mit "extisp.icio.us" deren Tags visualisiert - etwa am Beispiel von "julan", einem der aktivsten Nutzer der Linksammlung.

Das macht keinen Sinn. Wwenn ich selbst schon kaum in der Lage bin, 213 Tags im Überblick zu behalten - wie soll das erst bei tausenden Tags funktionieren. Also, weniger Tags bringen mehr Übersichtlichkeit.

5. Problem: Eigene und fremde Daten

Trotz aller Versuche der Vereinheitlichung wird jeder von uns immer sein ganz eigenes Sprachgefühl beim Setzen von Tags behalten. Unbewusst werden so immer eine Vielzahl von Tags das gleiche beschreiben und so eine gewisse Unübersichtlichkeit bestehen bleiben.

Also: Tags bleiben ein Wildwuchs, das macht ja auch einen guten Teil des Reizes aus. Aber trotzdem sollte jeder Nutzer von "Social Software" darauf achten, seine eigene Sammlung nicht völlig abgekoppelt vom Rest der Welt zu taggen.

6. Problem: Fehlende Listung vorhandener Tags

Ich habe mich schon oft geärgert, wenn ich irgendwo Tags gesetzt habe, aber nicht einmal sehen konnte, welche Tags es in dem System schon gibt – und welche wie oft vergeben wurden. Dabei könnte das die meisten der zuvor beschriebenen Probleme lösen.

Google macht es seit ein paar Tagen mit der Search History vor, das es auch anders geht. Mittels Ajax werdne schon beim Eintippen bereits existierende Tags angezeigt.

Ich bin, als ich vor einem Jahr meine eigene kleine Linksammlung openBM programmiert habe, ähnlich vorgegangen. Allerdings zeigt das Tool auch gleich noch, wie viele Links zu einem Tag schon existieren. So spielen "Irrläufer" keine Rolle, weil man einfach bei existierenden ähnlichen Tags dasjenige vergeben kann, dass am häufigsten existiert.

Sowas könnte auch etwa in Blogger-Software eingebaut werden – so dass jeder Blogger sehen kann, welche Tags wie oft schon von ihm selbst oder von allen anderne zusammen benutzt wurden. Also, Jungs von Wordpress und FlickrYahoo: Ajax anschmeißen und was schönes programmieren.

7. Problem: Große Datenmengen

Tagging funktioniert gut, wenn es sich um ein paar dutzend oder ein paar hundert Stücke handelt, die sortiert werden müssen. Ich selbst bin aber schon am überlegen, wie man mehrere zehntausend Stücke – oder etwa 18 Milliarden Webseiten ordentlich taggen könnte.

Ich denke, wir werden dann um eine Feinjustierung nicht umhinkommen.

Ich halte es zum Beispiel für sinnvoll, aus zweidimensionalen Tag-Wolken etwas dreidimensionales zu machen. Etwa, indem man zum Beispiel beim Tag photos visualisiert, welche weiteren Tags (wind, sand, trees) bei dem Link oder Photo verwendet wurden. Del.icio.us liefert dafür ja mit "related tags" schon einen sinnvollen Ansatz – auch wenn die eigentliche Funktion ist).

Fazit

Das schöne am Tagging ist das Chaos. Ich liebe Tag-Wolken. Wenn Tagging aber nicht nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben soll und eine breite Anhängerschaft finden will, werden gewisse Standards und die softwareseitige Unterstützung nicht ausbleiben können. Dieser Text soll dazu eine Anregung sein.

Einige andere findet ihr hier....

Texte zu Tagging allgemein

Kommentare (7)

Hintergrund: Sinnvolles Tagging
(Kossatsch, 17.10.2005, 09:20 Uhr #)
Netter Artikel. Die Listung vorhandener Tags gibt es übrigens bei del.icio.us (und ich glaube auch woanders, aber das fällt mir gerade nicht ein, obwohl ich es mal dokumentiert habe).

Hintergrund: Sinnvolles Tagging
(Peter, 17.10.2005, 10:28 Uhr #)
Stimmt. Habe es am Wochenende auch gesehen. Scheint noch nicht so lange da drin zu sein...

Hintergrund: Sinnvolles Tagging
(Kossatsch, 17.10.2005, 14:40 Uhr #)
Habe nachgeschaut:
Typeahead (also beim Eintippen gleich anlautende und bereits vorhandene Tags aufzeigen) geht neben del.icio.us auch mit Blinklist (dieses hat auch die Funktion favorite tags).

find ich nich
(mischka, 20.10.2005, 00:54 Uhr #)

Hallo, find ich ja nett, dass du dir übers Tagging Gedanken machst. Ich persönlich finde es bei de.licio.us gut, dass ich meine Links nach meiner eigenen Struktur ordnen kann. Dazu tagge ich die Links auf deutsch (weil ich oft die englischen Wörter garnicht weiß, und mich somit auch in meiner Sammlung nicht zurecht finden würde). Aber extra wenig Tags zu benutzen finde ich noch sonderbarer. Gerade dadurch dass ich möglichst viele Tags für einen Link benutze kann ich die Links nach meinem Gutdünken sortieren.

Suche ich z.B. nach allen Links zum Thema "Freie Software" habe ich eine Liste mit vielleicht 15 Einträge, die ich nun mit weiteren Tags ("related Tags") eingrenzen kann.

Zum Beispiel gibt Computer+Linux eine andere Liste als Computer+Windows. Über das Tag "Computer" bekomme ich die ganze Liste. "Computer+Sicherheit" bringt mir dann Ergebnisse zum Thema aus beiden Betriebssystemwelten. Genau das finde ich ziemlich Sinnvoll, denn sonst könnte ich meine Links ja gleich hierarchisch ordnen (also unter Rubriken).
lg, Mischka

genau... :-)
(Peter, 20.10.2005, 08:34 Uhr #)
Schönes Beispiel. Computer+Linux, Computer+Windows, Computer+Sicherheit. Da hat man mit jeweils zwei Tags mehere Themen schon wunderbar beschrieben.

Ich denke ja, dass in der Regel bis zu vier Tags pro Text/Thema ausreichen. Ausnahmen wird es immer geben, vor allem bei "interdisziplinären" Themen, also hurrikan+kathrina+google_maps+ajax (Mist, jetzt reichen schon wieder vier Tags ;-)

Schlagwort
(iKante, 08.09.2006, 09:55 Uhr #)
In Bibliothekskatalogen ist das ein altes Problem. Dort nennt man es Schlagwort.
Es gibt Regelwerke für einen einheitlichen Gebrauch (RSWK), Normdateien und spezialisierte Thesauri.
Nur weil man es jetzt Tagging nennt, braucht man nicht noch mal alles von vorn zu erfinden.
http://www.ddb.de/standardisierung/normdateien/swd.htm

Keine Regeln sind die beste Lösung
(Ulrich, 25.04.2007, 12:01 Uhr #)
Das ursprüngliche Prinzip des Tagging ist einfach: Man beschreibt Objekte völlig ungezwungen und frei mit Stichworten. Über die Menge der Objekte und Stichworte ergibt sich die Struktur von selbst.

Heavy-User von Delicious (u.a.) markieren im Extremfall jede Seite, die sich für wichtig bzw. interessant halten. Mit der Zeit bildet sich automatisch eine passende Struktur - sowohl im Internet als auch im Kopf, denn Variationen wie "Photo" und "Photos" werden ebenfalls im Hirn des Nutzers geprägt.

Beim Tagging macht es nur dann Sinn, sich über eine gutbürgerliche Ordnung Gedanken zu machen, wenn man nur wenige Links abspeichert.

Vergleicht doch mit einem Billy-Regal: Habe ich nur zehn Fächer, muss ich mir Gedanken darüber machen, was ich wo reinlege. Habe ich beliebig viele Fächer, brauche ich mich nicht beschränken. Habe ich viele Objekte einsortiert, schaue ich mir nur noch die vollen/großen Fächer an.

Viele Grüße,

Ulrich